Der Spielraum zwischen 0 und 1 - Subjektwerdung abseits digitaler Zweideutigkeit
In dieser Einführung zur Tagung „Subjektwerdung in der digitalen Welt“ wird ein Zusammenhang zwischen der binären Struktur digitaler Daten und der paranoid-schizoiden Position Melanie Kleins aufgezeigt. Die digitale Technologie schreibt den Antagonismus von Anwesenheit oder Abwesenheit als 1 oder 0 strukturell in Informationsprozesse ein und erzeugt so die Gefahr der Polarisierung. Omnipotenzphantasien einerseits und Vernichtungsangst andererseits prägen sowohl den Diskurs über die Digitalisierung selbst als auch Prozesse der Subjektwerdung. Abseits binärer Ausschließlichkeit wird im intermediären Raum das Spiel mit Mehrdeutigkeiten gesucht.
In this introduction speech to the conference “Subjektwerdung in der digitalen Welt” a connection between the binary structure of digital data and Melanie Klein's paranoid-schizoid position is shown. Digital technology structurally inscribes the antagonism of presence or absence as 1 or 0 in information processes and thus creates danger of polarization. Fantasies of omnipotence on one hand and fear of annihilation on the other shape the discourse on the evaluation of digitalization itself and influence the process of subjectification. Within the transitional space a play with ambiguities apart from binary exclusivity is seeked.
2024
4
Krüger, Steffen
Formative Medien – Psychoanalytische Medienforschung zwischen Distanzlosigkeit und Abwesenheit
Der vorliegenden Artikel erläutert systematisch den Begriff der „Formativen Medien“ im Kontext kommerzieller digitaler Plattformen des frühen 21. Jahrhunderts. Die These, das Digitale sei ein klassisches mediales Symbolsystem und damit eine „Sprache des Abwesenden“ (Löchel), wird mit der Gegenposition vermittelt, dass das Digitale eben nicht das Abwesende hervorhebt, sondern geradezu überbordende Unmittelbarkeiten und Präsenzen schafft. Zentrales Argument des Artikels ist, dass psychoanalytische Analysen digitaler Medien gut daran tun, beide Positionen im Blick zu behalten und miteinander in Dialog zu bringen. Der Begriff des Formativen umreißt dieses Vermittlungsverhältnis, indem er auf die typischen Formen der Nutzer-Interpellation vonseiten der Plattformen hindeutet. Diese Plattformen versprechen ihren NutzerInnen Förderung und positives Wachstum, fixieren diese NutzerInnen jedoch in genau diesem Prozess.
This article systematically defines the concept of “formative media” in the context of commercial digital platforms of the early 21st century. The thesis that the digital is a classic symbol-based media system and thus a “language of the absent” (Löchel) is brought into dialogue with the counter-position that the digital does not emphasize absences but rather creates exuberant immediacies and presences. The central argument of the article is that psychoanalytic analyses of digital media need to keep both positions in mind and bring them in touch with one another. The concept of “the formative” outlines this mediating relationship by pointing to the typical forms of user interpellation on the part of the platforms. These platforms promise their users care and positive growth but fixate them in precisely this process.
2024
4
Löchel, Elfriede
Subjekt und Medium in der digitalen Welt.
Psychoanalytische Erkenntnismöglichkeiten und –grenzen
Der Beitrag diskutiert die Frage, inwiefern sich Strukturen der Subjektwerdung im Prozess der kulturellen Digitalisierung verändern. Er plädiert dafür, psychoanalytische Erfahrung, psychoanalytisches Denken und psychoanalytische Methoden in die interdisziplinäre Digitalisierungsforschung einzubringen. Für den interdisziplinären Dialog kommt es darauf an, dass Psychoanalytiker ihren spezifischen Gegenstand und die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Methode verdeutlichen. Um den psychoanalytischen Subjektbegriff zu spezifizieren, schlägt der Beitrag vor, die unbewussten Wege der Subjektkonstitution mittels der Konzepte des Ödipuskomplexes, des Übergangsraums und der Symbolisierung zu betrachten. Dabei wird insbesondere die Symbolisierung als „Sprache des Abwesenden“ (Freud) für psychoanalytische Untersuchungen der subjektiven Digitalisierungsfolgen als geeignet hervorgehoben.
The article discusses in which way structures of subjectification might change in the process of cultural digitalization. It advocates the inclusion of psychoanalytic experience, psychoanalytic thinking and psychoanalytic methods in interdisciplinary research on digitization. For the interdisciplinary dialogue, it is important that psychoanalysts clarify their specific subject matter and the possibilities and limitations of their method. In order to specify the psychoanalytic concept of the subject, the article proposes to consider the unconscious ways in which the subject is constituted by means of the concepts of the Oedipus complex, the transitional space and symbolization. In particular, symbolization as the „language of the absent“ (Freud) is highlighted as suitable for psychoanalytical investigations of the subjective consequences of digitalization.
2024
4
Adamidis, Clara-Sophie
YouTube. Subjekte und ihre digitalen Welten - Eine tiefenhermeneutische Betrachtung
Der vorliegende Vortrag beinhaltet eine tiefenhermeneutische Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Rezipierens von Youtube für Subjekte. Es werden exemplarisch zwei Interviews von YoutubenutzerInnen angeführt und tiefenhermeneutisch interpretiert. Das eine zeigt eher ein präkonflikthaftes Nutzen der Plattform als Rückzugsort und Abwendung von der Außenwelt, das andere eher ein Nutzen der Plattform für den Versuch mit objektalen Ängsten und Konflikten umzugehen, diese zu regulieren und eine Sehnsucht nach Begegnung. So kann im Umgang mit der Plattform Youtube Unterschiedliches auf unterschiedlichen psychischen Ebenen verhandelt werden. Die Bedeutung wird auf die Fähigkeit, sich ins Verhältnis zu Digitalem zu setzen, gelegt.
This lecture contains a depth-hermeneutic discussion of the meaning of YouTube consumption for subjects. Two interviews with YouTube users are cited as examples and interpreted in a depth-hermeneutic manner, which can be understood in one case as a pre-conflict use of the platform as a place of psychic retreat, and in another case as a use of the platform for trying to deal with objectal fears and conflicts, to regulate them and to convey a longing for encounters. The importance is placed on the ability to relate to digital.
2024
4
Döser, Johannes
„Nix wie weg!“ – Überlegungen zur Subjektflucht in der digitalen Welt
„Entwickeln Maschinen ein Bewusstsein?“ ist eine häufig gestellte Frage unserer Zeit, mal mit Hoffnung, mal mit Furcht verbunden. Die rasante Entwicklung und Verwendung von Künstlicher Intelligenz verschärft den Gegensatz zwischen den programmierten Maschinen bzw. den maschinellen Programmen der digitalen Welt und dem improvisatorischen, geschlechtlichen Geist des schöpferischen Subjekts, der im Unbewussten gründet, und schafft auf diese Weise ein spezifisches Unbehagen in der neuen Kultur. Die disruptiven Kräfte im gesellschaftlichen Feld setzen das Kreativitätsdispositiv des Einzelnen unter Druck und führen – um mit Freud zu sprechen – zu Einrissen im Ich, die „nie wieder verheilen, aber sich mit der Zeit vergrößern“ (1940e, 60) Als Reaktion darauf werden im subjektiven Austausch neue Formen der Synthese erzwungen. Ob sich die bösen Buben an den Schaltstellen der Technologie- und Kulturpolitik am Ende als „gute Jungs“ erweisen, ist ungewiss. Diese Arbeit ist ein Versuch, sich den unbewussten Dimensionen dieser Vorgänge zu nähern.
“Do machines develop consciousness?” is a frequently asked question of our time, sometimes associated with hope, sometimes with fear. The rapid development and use of artificial intelligence is intensifying the contrast between programmed machines or machine programs of the digital world and the improvisational, psychosexual spirit of the creative subject, which is rooted in the unconscious. This gap, but also the mergers between man and machine generate a new and specific unease in culture. The disruptive forces in the social field put pressure on the creative dispositive of the individual and lead - to paraphrase Freud - to ruptures in the ego that “will never heal again, but will increase with time” (1940e, 60). As a reaction to this, new forms of synthesis are enforced in subjective exchange. It is uncertain whether the bad guys at the control points of technological and cultural policy will turn out to be “good guys” in the end. This work is an attempt to approach the unconscious dimensions of these processes.
2024
4
Kadi, Ulrike
Der Flug der Kreischeule. Laudatio zur Verleihung des Lotte Köhler-Preises
Keine Zusammenfassung
2024
3
Doblhammer, Klaus
Die Psychoanalyse - eine Wissenschaft vom Nichtwissen
In diesem kurzen Aufriss wird gezeigt, wie sich Psychoanalyse - sofern sie mit dem Unbewussten operiert - immer schon in Theorie und Praxis als eine Wissenschaft des Nichtwissens begriffen hatte. Die entsprechenden Konzepte, Methoden und Settings, die darauf entwickelt wurden, mögen hilfreich sein in Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Phänomene, wo um jeden Preis ein Nichtwissen vermieden wird.
This brief outline shows how psychoanalysis - insofar as it operates with the unconscious - has always understood itself in theory and practice as a science of ignorance. The corresponding concepts, methods and settings that have been developed on this basis may be helpful with regard to current social phenomena, where ignorance is avoided at all costs.
2024
3
Hornung-Ichikawa, Ela; Hubin, Andrea
Korrespondenzen: Psychoanalyse und Kunstvermittlung
Der folgende Text ist die Aufzeichnung eines Gedankenaustauschs zwischen einer Psychoanalytikerin, Ela Hornung-Ichikawa, und einer Kunstvermittlerin, Andrea Hubin. Die Autorinnen erkunden Berührungspunkte ihrer jeweiligen methodischen Zugänge zu Interpretation und landen bei der für beide zentralen Frage: Was passiert mit den Denkfiguren der Öffnung und Schließung, sobald in der Kunstvermittlung und der psychoanalytischen Praxis empörend Skandalöses, Unbewusstes, Aggressives oder Abgewehrtes in den Blick kommt oder „zur Sprache kommen“ soll?
The following text is the record of an exchange of ideas between a psychoanalyst, Ela Hornung-Ichikawa, and an art educator, Andrea Hubin. The authors explore points of contact between their respective methodological approaches to interpretation and end up with a question that was central to both of them: what happens to the concepts of opening and closing as soon as the outrageously scandalous, the unconscious, the aggressive or the rejected come into play or are meant to be verbalized?
2024
3
Fachinelli, Elvio
Psychoanalyse & Und Freuds Plaudereien wurden zu einer Erzählung
In der ersten Arbeit „Psychoanalyse“ unternimmt Fachinelli einen kurzen verdichteten Abriss der psychoanalytischen Wissenschaftsgeschichte. Er zeigt auf, dass die aus verschiedenen Disziplinen gewonnenen heterogenen Modelle der Theoriebildung Freuds in zahlreichen Versuchen reduktionistischen Prinzipien unterworfen wurden, die sie entweder auf kognitivistische Modelle zurückführten oder in humanistische Traditionen integrierten. Es wird aber ebenso auf die Gegenbewegung hingewiesen, durch die die Psychoanalyse – erwähnt wird die Untersuchung der Sprache durch J. Lacan - ihre eigene Vorgangsweise formalisiert.
In der zweiten Arbeit „Und Freuds Plaudereien wurden zu einer Erzählung““ sucht der Autor ausgehend von kurz zuvor erschienenen Gesamtbibliographie zu Psychoanalyse, Kunst und Literatur eine Erklärung für die andauernden Vorbehalte gegenüber einer auf Kunst und Literatur angewandte Psychoanalyse. Er findet sie in der fehlenden Reziprozität zwischen Psychoanalyse und Kunst. Während die Tragödie von Sophokles eine große Hilfe ist für das Verständnis der Wendungen des Ödipuskomplexes im analytischen Prozess, ist die Analyse des König Ödipus nur ein künstlicher Zusatz. Anstelle einer „angewandten Psychoanalyse“ plädiert der Autor für ein Erkenntnisinteresse der Psychoanalyse nach dem Vorbild der platonischen Dialoge.
In the first work, ‘Psychoanalyse’, Fachinelli undertakes a brief, condensed outline of the history of psychoanalytic science. He shows that the heterogeneous models of Freud's theorising, derived from various disciplines, were subjected to reductionist principles in numerous attempts, which either led them back to cognitivist models or integrated them into humanist traditions. However, reference is also made to the counter-movement through which psychoanalysis - the study of language by J. Lacan is mentioned - formalised its own approach.
In the second work, ‘Und Freuds Plaudereien wurden zu einer Erzählung’, the author seeks an explanation for the continuing reservations about psychoanalysis applied to art and literature, based on a recently published complete bibliography on psychoanalysis, art and literature. He finds it in the lack of reciprocity between psychoanalysis and art. While the tragedy of Sophocles is a great help in understanding the twists and turns of the Oedipus complex in the analytic process, the analysis of Oedipus the King is only an artificial addition. Instead of an ‘applied psychoanalysis’, the author argues for a cognitive interest in psychoanalysis along the lines of the Platonic dialogues.
2024
3
Baryli, Sebastian
Psychoanalytische Pädagogik und Nicht-Wissen
Das Verhältnis von Wissen und Nicht-Wissen ist ein Phänomen, bei dessen Analyse die psychoanalytische Pädagogik einen besonderen Beitrag liefern kann. In dem Text argumentiert der Autor, dass die pädagogische Situation vor allem durch das Nicht-Wissen determiniert ist. Dieses Nicht-Wissen wird sowohl in Bezug auf den unzugänglich-realen Kern hin gedacht sowie auch in Bezug auf die Einführung des Gesetzes. Die wesentliche Aufgabe der Pädagogik bestünde demnach in der Einführung und Aufrechterhaltung des Verbotes, nicht wissen zu dürfen.
The relationship between knowledge and non-knowledge is a phenomenon to which psychoanalytic pedagogy can make a particular contribution. In the text, the author argues that the pedagogical situation is determined above all by not-knowing. This not-knowing is thought of both in relation to the inaccessible real core and in relation to the introduction of the law. The essential task of pedagogy would therefore consist in introducing and maintaining the prohibition of not knowing.